Philosophie

Schwerpunktsetzung auf authentischer Grammatik

Morpheus ist kein linguistisches Programm, sondern soll beim Lesen und Verstehen eines Textes helfen und nicht so sehr beim Studium des eher zweifelhaften theoretischen Konzepts einer “Sprache”. Daher berücksichtigt die Entwicklung des Programms in erster Linie nicht die moderne Sprachtheorie, sondern die Grammatik, wie sie die Verfasser alter Texte verwendet haben.

Ein einfaches Beispiel:

In den Evangelien wird das Wort αἰώνιός - “ewig” etwa 55 mal benutzt. 50 mal in Kombination ζωὴ αἰώνιός, “ewiges Leben”, 5 mal in Kombination πῦρ τὸ αἰώνιον, “ewiges Feuer” biblehub.com.

Sie möchten wissen, warum “ewiges Feuer” fast immer mit dem Artikel “τὸ αἰώνιον” verwendet wird, aber “ewiges Leben” fast immer ohne Artikel, also nur “αἰώνιός”?

Die Antwort ist einfach und jedem gebildeten Griechen bekannt. (Dies ist der Klarheit willen bewusst etwas vereinfacht.). Sie war jedenfalls dem berühmtesten griechischen Grammatiker Ἀπολλώώνιος ὁ Δύσκολος - Apollonius Dyscolus – sehr wohl bekannt.

Nomen werden dann mit dem Artikel verwendet, wenn wir über etwas sprechen, was wir von anderen Menschen kennen, wenn wir unsere Meinung äußern oder unsere Position (in der Regel die Position des Sprechers) zum Thema ausdrücken. In diesem Fall werden Nomen “Epitheta” bezeichnet. Epitheta sind eine eigene Wortkategorie im Altgriechischen, eine Unterkategorie der Nomen. In der modernen Grammatik kommt diese Position des Sprechers durch Konjunktiv- oder Optativkonstruktionen zum Ausdruck. Dass Nomen auch die Position des Sprechers ausdrücken können (für uns erscheinen solche “Epitheta” als Substantive oder Adjektive) ist in der modernen Grammatik verloren gegangen, doch in der alten Grammatik sind sie die Grundlage aller Grundlagen. In der alten Grammatik wird die Position des Sprechers ἕξις (hexis) bezeichnet. Das Konzept der Hexis wurde zuerst von Aristoteles entwickelt. Die alte Grammatik kannt weder Substantive noch Adjektive. Dieses moderne Wissen ist nutzlos und sollte verworfen werden, aber natürlich muss man zuerst wissen, worum es dabei geht.

Und jetzt die Antwort:

Die “ewige Flamme” ist ein poetisches Bild, also die Flamme, welche verlöscht, wenn sie nicht mit Brennholz genährt wird. Bei diesem Bild handelt es sich offensichtlich um ein solches, das wir im voraus von der Flamme kennen. Deshalb wird hier im Griechischen das Wort “ewig” mit Artikel verwendet. Und das Leben hat tatsächlich die Eigenschaft, “ewig” zu sein. Katzen gab es schon immer, gibt es heute und wird es immer geben; für sie bedarf es keines Brennholzes. Deshalb ist “ewiges Leben” im Griechischen kein Epitheton und somit keine Meinung, sondern Ausdruck einer wesentlichen Eigenschaft des Lebendigen. Daher sollte dieser Ausdruck auch ohne den Artikel verwendet werden.

(Ich muss hier jedenfalls betonen, dass ich nicht über die christliche Bedeutung dieser Ausdrücke spreche, denn das wäre ein ganz eigenes Thema, sondern darüber, wie diese Ausdrücke von einem gebildeten alten Griechen verstanden worden wären, nicht aber von einem heutigen Christen.)

Welche moderne Grammatiktheorie kann diesen Fall erklären, zeigen Sie mir diese bitte! Eine Theorie kann vielleicht ad hoc ein oder mehrere “Epizyklen” formulieren, um “Phänomene zu retten” und insbesondere um etwas zu simulieren. Aber dadurch entsteht noch keine praktische Kunst der literarischen, verständlichen Rede, sondern es bleibt eben eine “Theorie”.

Kenntnis der modernen Grammatik hilft uns in diesem Falle nicht, einen alten Text aus einer fremden Kultur zu verstehen. Modernes Grammatikwissen muss “gereinigt” oder vielmehr in eine Form verwandelt werden, die dem Verständnis des alten Autors entspricht. Heidegger nennt diesen Prozess Destruktion (V.V. Bibikhin). In den meisten Fällen sollte für ein Verständnis des alten Autors das moderne sprachliche Wissen einfach verworfen werden, es ist überflüssig.

Übrigens ist es jetzt auch klar, warum der Name Dyscolus mit Artikel verwendet wird, also “ὁ Δύσκολος”. Dies ist ein Art Spitzname, das heißt, er drückt die Meinung der Menschen aus, das, das wir als bekannt vorausetzen bzw. nichts, was thematisch neu hinzukäme. Daher ist hier der Artikel obligatorisch.

Figurativ lässt sich dieses Prinzip wie folgt erklären.

Wie hat der “Physiker” früherer Jahrhunderte es erklärt, dass das Wasser im Glas bleibt, wenn dieses von der Unterseite her aus dem Wasser gehoben wird? Warum fließt das Wasser nicht ab? Diesfalls käme es zu einer Leere im Glas. Doch die Natur duldet keine Leere und jeder gebildete mittelalterliche “Physiker” kannte den Satz “natura abhorret vacuum”. Das Wissen um die moderne Physik wird uns nicht dabei helfen herauszufinden, was er dabei dachte, denn es geht ja nicht darum, was die moderne Wissenschaft dazu sagt. Wir müssen bloß wissen “natura abhorret vacuum” und sonst nichts. Jedes weitere moderne Wissen hier ist überflüssig. “Das Überflüssige mag entfallen” (V.V. Bibikhin).

Ich habe nichts gegen moderne Physik oder moderne Sprachwissenschaft. Aber zum Verständnis eines alten Autors aus einer fremden Kultur sind sie nicht erforderlich. Von ihnen bleibt nach der “Reinigung” nur wenig übrig, das nicht in reduzierter Form ein Anachronismus wäre.
Die alte Grammatik ist ontologisch aufgeladen. Um Altgriechisch richtig zu sprechen, muss man zurückschauen und sehen, wie sich die Dinge tatsächlich verhalten und in Übereinstimmung damit sprechen. Dabei bedarf es keiner Kenntnis der formalen Regeln der Grammatik, wie sie für den modernen Menschen erforderlich ist. Es handelt sich um eine andere Aktivität, eine andere Art, die Wahrheit zu verstehen. Eine andere Att, um die richtige Frage zu stellen, eine andere Art, diese richtig zu beantworten. Moderne und alte Grammatiken sind “logisch unvereinbar” (V.S. Bibler). Die alte Grammatik – die Kunst der überzeugenden und verständlichen Rede – kann in moderner Sprache ausgedrückt werden, das macht sie jedoch nicht zu einem Teil der modernen Theorie. Es handelt sich somit ist eine andere Art, die Wahrheit zu verstehen und auszudrücken.

Deshalb legt Morpheus von seinem Konzept und seiner Entwicklung her den Schwerpunkt auf authentische Grammatik. Für das Griechische ist dies Dionysius der Thraker, Aristoteles, an erster Stelle aber Apollonius Dyscolus. Für Sanskrit ist es Panini. Für Chinesisch und Tibetisch weiß ich es noch nicht, werde aber versuchen, es herauszufinden.